Eichstätt

Feldtag mit Chancen und Herausforderungen

12. Juni 2026 , 09:23 Uhr

Die Artenvielfalt auf unseren Äckern ist in den letzten Jahrzehnten massiv zurückgegangen. Zahlreiche Ackerwildkräuter stehen heute auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Das Projekt „Lebensfelder – Praxisstandards zur Wiederansiedlung von Ackerwildkräutern“ setzt hier an und erarbeitet bundesweite Standards, um diese Pflanzen in der Agrarlandschaft zu fördern. Die praktische Umsetzung der Sammlung, Vermehrung und Aussaat gefährdeter Ackerwildkrautarten im Modellgebiet „Südliches Frankenjura“ wurde bei einem Feldtag am 9. Juni 2026 vorgestellt.

Das Interesse an dem Feldtag im Rahmen des Projektes „Lebensfelder – Praxisstandards zur Wiederansiedlung von Ackerwildkräutern“ war groß: 44 Teilnehmende aus Landwirtschaft und Naturschutz erkundeten gemeinsam die Ackerflora des Frankenjuras rund um Titting im Landkreis Eichstätt. Dazu zählten VertreterInnen aus Fachbehörden, Forschungseinrichtungen sowie der Praxis aus Oberbayern und ganz Deutschland.

Diese konnten sich bei der Veranstaltung selbst davon überzeugen, welch wichtige Ökosystemfunktionen artenreiche Ackerwildkrautgesellschaften erfüllen: Sie bieten Lebensraum für Bestäuber und andere Tierarten der Feldflur, schützen angesichts des Klimawandels vor Erosion sowie starker Erhitzung und Austrocknung des Bodens und werten das Landschaftsbild auf. Doch viele Arten wie der Acker-Steinsame oder der Acker-Wachtelweizen sind heute selten geworden, da die Samenvorräte im Boden erschöpft sind und historische Verbreitungswege fehlen. Ohne gezielte Wiederansiedlungen ist ihr Erhalt daher in vielen Regionen kaum noch möglich.

Der Feldtag führte die Teilnehmenden zu verschiedenen Projektflächen und bot dabei Einblicke in alle Projektschritte von der Sammlung über die Zwischenvermehrung bis zur Aussaat gefährdeter Ackerwildkrautarten auf geeigneten Äckern:

Schritt 1: Die Sammlung:
Der erste Exkursionspunkt führte zum Feldflorareservat Pfleimberg, eine der wichtigsten Spenderflächen des Projekts für seltene Arten wie Acker-Steinsame Buglossoides arvensis, Finkensame Neslia paniculata und Gefurchter Feldsalat Valerianella rimosa. Der große Komplex extensiv bewirtschafteter, kleinparzellierter Kalkscherbenäcker zeigt, wie gut Ackerwildkrautschutz gelingen kann, wenn noch ausreichende Samenvorräte im Boden vorhanden sind. In Monitoringaufnahmen der Bayerischen KulturLandStiftung, finanziert durch Ersatzgelder des Landkreises Eichstätt, konnten im Jahr 2025 am Pfleimberg 36 Ackerwildkrautarten nachgewiesen werden, die in den Roten Listen Bayerns bzw. Deutschlands verzeichnet sind (inkl. Vorwarnstufe). Landwirt Jakob Bösl erklärte, mit welchen Anbaumethoden diese Vielfalt dauerhaft erhalten werden kann. Hierzu gehören unter anderem eine vielfältige Fruchtfolge ohne Düngung sowie ohne den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Sogar vom Aussterben bedrohte Arten wie das Flammende Adonisröschen Adonis flammea – eine absolute Rarität in Deutschland – konnten vor Ort bewundert werden.

Schritt 2: Die Vermehrung:
Anschließend wurden die Anbaukulturen auf dem spezialisierten Betrieb Schmidmeier in Petersbuch besichtigt, der Saatgut für die Wiederansiedlung im Projekt gewinnt. Mit ihrem Know-How aus Regiosaatgutvermehrung sowie Heil- und Gewürzpflanzenanbau tragen die Landwirte Georg und Ludwig Schmidmeier seit 2024 zur erfolgreichen Samengewinnung der einjährigen Ackerwildkrautarten bei. In den letzten beiden Jahren konnten sie 15 von 16 Zielarten erfolgreich durch Voranzucht und Auspflanzung oder Direktsaat vermehren und hierbei insgesamt rund 36 Millionen Samen gewinnen. Die Erträge pro 60 bis 150 m² Vermehrungsfläche je Art und Jahr reichten von wenigen Gramm bei Schmalblättrigem Hohlzahn Galeopsis angustifolia bis hin zu 17,8 kg bei Acker-Haftdolde Caucalis platycarpos. Dieses Jahr erproben die Landwirte den Anbau besonders schwer vermehrbarer Arten wie Blasser Erdrauch Fumaria vaillantii und Blauer Gauchheil Anagallis foemina und konnten zumindest einen Teil des Saatgutes bereits zur Keimung bringen. Ebenfalls vermehrte Arten mit ganz besonderen Ansprüchen sind die Halbschmarotzer Acker-Wachtelweizen Melampyrum arvense und Acker-Zahntrost Odontites vernus, die zusammen mit einer Wirtspflanze, z. B. Weizen, angebaut werden müssen. Die Landwirte aus Petersbuch schilderten anschaulich, welche Herausforderungen auch in Kürze bei der Ernte der Samen bevorstehen. So kommt bei manchen Arten ein spezieller Sauger während der Erntezeit täglich zum Einsatz, um eine größtmögliche Ausbeute und Qualität des Saatgutes zu erreichen. Im Rahmen von Schutzprojekten besonders zu beachten ist die nach der Ernte rasch sinkende Keimfähigkeit der Samen von Melampyrum arvense.

Schritt 3: Die Wiederansiedlung auf „Lebensfeldern“:
Am Projekt „Lebensfelder in Bayern“ nehmen insgesamt 11 Betriebe (davon 6 ökologisch und 5 konventionell wirtschaftend) mit 12 Ackerflächen teil, die extensiv – das heißt ohne Einsatz von Düngung und Pflanzenschutzmitteln – bewirtschaftet werden. Zwei Projektflächen, sogenannte „Lebensfelder“, bei Kaldorf und Emsing wurden im Rahmen der Exkursion besucht. Hier war zu besichtigen, wie gefährdete Arten erfolgreich in den Ackerbau integriert werden können und welche Herausforderungen auftreten können. Die Bewirtschafter Konrad Schneider und Matthias Pfaller berichteten detailliert von ihren Erfahrungen bei der Bodenbearbeitung, Aussaat von Kultur und Ackerwildkrautmischung sowie Ernteerträgen. Von Interesse für viele Teilnehmende waren die Saatdichten bei der Wiederansiedlung, die im Projekt artspezifisch anhand der bisherigen Etablierungserfahrungen sowie dem jeweiligen Raumbedarf gewählt wurden. Auch zu erwartende Erträge der Kulturen bei extensiver Bewirtschaftung waren ein intensiv besprochenes Thema. Je nach Betriebsform und Wetterbedingungen im Anbaujahr seien keine bis erhebliche Ertragsverluste möglich, so die Projektlandwirte. Jedoch muss zur Beurteilung einbezogen werden, dass auch der Betriebsmitteleinsatz (Dünger, Pflanzenschutzmittel, Kraftstoff, Arbeitsstunden) im Vergleich zu einer üblichen Bewirtschaftung deutlich geringer ist bzw. entfällt.
Die Projektbearbeitenden Dr. Marion Rasp und Felix Dötsch sowie die mit der Kartierung der Flächen beauftragte Dr. Gabriele Anderlik-Wesinger stellten die Ergebnisse der botanischen Vorkartierung (Jahre 2024 und 2025) und erste Ergebnisse der Wiederansiedlungsmaßnahmen (seit Herbst 2025) vor. Auf den beiden Flächen mit Wintergetreide konnte in Kleingruppen die erfolgreiche Etablierung von Zielarten wie Acker-Haftdolde Caucalis platycarpos, Einjähriger Ziest Stachys annua, Kleinfrüchtiger Leindotter Camelina microcarpa und Glänzenden Ehrenpreis Veronica polita begutachtet werden. Ein wichtiges Zwischenergebnis war, dass die im Wintergetreide erreichten Ansiedlungserfolge bisher weit höher waren als im Sommergetreide mit Aussaat im Frühjahr 2026.

Trotz der zwischenzeitlich feuchten Witterung blieben das Interesse und die Diskussionsfreude der Teilnehmenden während der Veranstaltung ungebrochen. Ein ausführlicher Austausch fand etwa zu alternativen Methoden der Samengewinnung und -übertragung (Drusch- und Bürstgut), zur Keimungsbiologie und Bodensamenbank der Ackerwildkräuter, zu Ackerwildkrautschutz als Kompensationsmaßnahme und zur Regulation von konkurrenzstarken Problembeikräutern statt.

Einigkeit bestand bei den Teilnehmenden darin, dass der Bedarf für wirksame Erhaltungsmaßnahmen gefährdeter Ackerwildkräuter groß ist.

Das Projekt „Lebensfelder“
Das Projekt „Lebensfelder – Praxisstandards zur Wiederansiedlung von Ackerwildkräutern“ wird durchgeführt von der Bayerischen KulturLandStiftung (Modellregion Bayern) und der Stiftung Rheinische Kulturlandschaft (Modellregion Rheinland in Nordrhein-Westfalen). Ziel ist die Entwicklung eines bundesweiten Leitfadens, um die bisher aufwendigen Einzelfallprüfungen bei Wiederansiedlungen durch einheitliche Standards zu ersetzen und somit Ackerwildkrautschutz effizienter als bisher umsetzen zu können. Die im Projekt entwickelten Standards werden in vier Modellgebieten in Bayern und Nordrhein-Westfalen in der Praxis erprobt. Gefördert wird das Projekt mit einer Laufzeit von 2023 bis 2028 im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit sowie durch die Landwirtschaftliche Rentenbank.

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